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    Kräuterbuschen binden zu Mariä Himmelfahrt – Brauchtum, Frauendreißiger und Bedeutung

    Kräuterbuschen binden zu Mariä Himmelfahrt
    Kräuterbuschen binden zu Mariä Himmelfahrt

    Mitte August steht die Natur noch einmal in einer ganz besonderen Fülle. Die Wiesen leuchten, viele Kräuter duften intensiv, Samenstände beginnen sich zu zeigen und im Garten mischen sich die kräftigen Farben des Sommers mit den ersten leisen Zeichen des kommenden Herbstes.


    Genau in diese Zeit fällt ein alter Brauch, der mich sehr berührt: Kräuterbuschen binden und sie an Mariä Himmelfahrt segnen zu lassen oder selbst zu segnen.


    In unserer schnellen Zeit, in der Konsum und ständige Verfügbarkeit oft so selbstverständlich geworden sind, empfinde ich solche überlieferten Rituale als wohltuend.

    Sie erinnern mich an all jene Menschen, die vor uns gelebt haben, und daran, dass wir nicht losgelöst von allem existieren.


    Wir sind Teil der Natur, Teil einer langen Geschichte und – so empfinde ich es für mich – Teil eines großen Ganzen.


    Für mich ist es ein gutes Gefühl, mich immer wieder bewusst mit Mutter Erde zu verbinden, ihre Fülle wahrzunehmen und ihre Unterstützung dankbar anzunehmen.


    Einen Kräuterbuschen zu sammeln und zu binden, ist für mich deshalb nicht einfach Dekoration. Es ist ein Moment des Innehaltens, des Dankes und der Verbindung.


    🌿 Aus meinem Kräutergarten: ein Strauß voller Sommer


    Wenn ich Mitte August durch meinen Garten und die Natur gehe, schaue ich plötzlich noch einmal anders hin.


    Welche Pflanze zieht meinen Blick an?


    Welche möchte Teil meines Kräuterbuschens werden?


    Welche begegnet mir vielleicht schon seit vielen Jahren?


    Ich mag den Gedanken, dass ein Kräuterbuschen nicht perfekt sein muss und auch nicht überall gleich aussieht.


    Die Zusammensetzung unterscheidet sich traditionell von Region zu Region. Historische und kirchliche Darstellungen nennen unter anderem Königskerze, Beifuß, Schafgarbe, Minze, Thymian, Rainfarn, Ringelblume und Goldrute. Auch Gartenblumen, Getreide oder eine Rose können dazugehören.


    Mein eigener Buschen darf deshalb widerspiegeln, was gerade um mich herum wächst und was mich in diesem Jahr besonders anspricht.


    In diesem Jahr wähle ich aus diesen Pflanzen:


    • Beifuß (Artemisia vulgaris)

    • Schafgarbe (Achillea millefolium)

    • Minze (Mentha spp.)

    • Wilde Möhre (Daucus carota)

    • Sonnenblume (Helianthus annuus)

    • Goldrute (Solidago spp.)

    • Wegwarte (Cichorium intybus)

    • Ringelblume (Calendula officinalis)

    • Thymian (Thymus vulgaris)

    • Rainfarn (Tanacetum vulgare)

    • Nachtkerze (Oenothera biennis)

    • Königskerze (Verbascum spp.)

    • Ähren und Korn


    Einige davon gehören seit Langem zu überlieferten Kräuterbuschen, andere sind meine persönliche Ergänzung. Genau das gefällt mir: Brauchtum darf bewahrt werden und trotzdem lebendig bleiben.


    🌿Kräuterbuschen binden zu Mariä Himmelfahrt – überlieferte Bedeutung und volksheilkundliche Verwendung


    Was mich an einem Kräuterbuschen besonders fasziniert: Jede Pflanze bringt ihre ganz eigene Geschichte mit. Manche wurden über Jahrhunderte als Heilpflanzen genutzt, andere galten als Schutzpflanzen oder begleiteten die Menschen in bestimmten Lebensphasen.

    Und manches davon ist regional sehr unterschiedlich überliefert.

    Deshalb möchte ich auch hier bewusst unterscheiden:


    Volksheilkundliche Anwendungen sind überliefertes Erfahrungswissen und nicht automatisch wissenschaftlich belegte Wirkungen.


    Bei einigen Pflanzen gibt es heute zusätzlich anerkannte traditionelle pflanzliche Anwendungen, bei anderen steht für mich stärker ihre symbolische Bedeutung und Verwendung wie zum Beispiel Räuchern der Pflanzen im Vordergrund.


    🌿 Beifuß – Schutz, Übergang und Verdauung


    Der Beifuß (Artemisia vulgaris) gehört zu den alten europäischen Kräuterpflanzen und findet sich traditionell häufig im Kräuterbuschen.


    Im Volksglauben galt er als starkes Schutzkraut, das Haus und Stall vor negativen Einflüssen bewahren sollte. Auch bei Übergängen und alten Räucherbräuchen spielte er eine Rolle.


    Volksheilkundlich wurde Beifuß vor allem zur Unterstützung der Verdauung geschätzt – nicht umsonst kennen wir ihn bis heute als Gewürz zu schweren und fettreichen Speisen.


    Für mich steht er im Buschen für Schutz, Kraft und die Fähigkeit, Übergänge bewusst zu gestalten.


    🌼 Schafgarbe – Frauenkraut und vielseitige Begleiterin


    Die Schafgarbe (Achillea millefolium) ist eine meiner besonders geschätzten Pflanzen. In der Volksheilkunde wurde sie seit Langem bei Verdauungsbeschwerden, zur Unterstützung bei menstruellen Beschwerden und äußerlich bei kleinen Wunden verwendet.



    Auch die EMA (European Medicines Agency/Europäische-Arzneimittel-Agentur) erkennt diese Anwendungen aufgrund ihrer langjährigen traditionellen Nutzung an.


    Im Brauchtum wird die Schafgarbe außerdem häufig den Frauenpflanzen zugeordnet und mit Frieden verbunden.


    Für mich trägt sie etwas Ausgleichendes und Verbindendes in sich.


    🌱 Minze – Frische und Klarheit


    Schon ihr Duft verändert etwas. Sobald ich Minze zwischen den Fingern verreibe, entsteht diese wunderbare Frische.


    Im Brauchtum wird Minze mit Frische und Klarheit verbunden. Bei der Pfefferminze (Mentha × piperita) ist zudem eine lange traditionelle Verwendung bei leichten Verdauungsbeschwerden bekannt; insbesondere Pfefferminzöl wird auch bei Blähungen und krampfartigen Beschwerden eingesetzt.


    In meinem Kräuterbuschen erinnert mich die Minze daran, immer wieder klar zu werden und neu durchzuatmen.


    🌿 Wilde Möhre – ein Stück ursprüngliche Nahrung


    Die Wilde Möhre (Daucus carota) ist eine unserer ursprünglichen Nahrungspflanzen. Auch volksmedizinische Verwendungen verschiedener Pflanzenteile sind überliefert, unter anderem im Zusammenhang mit Verdauung und Harnausscheidung.


    Für mich bringt die Wilde Möhre etwas sehr Erdverbundenes in den Buschen. Ihre feine weiße Dolde wirkt beinahe wie Spitze – und unter der Erde trägt sie ihre kräftige Wurzel.


    Wichtig: Gerade bei Doldenblütlern ist eine absolut sichere Pflanzenbestimmung unerlässlich.


    🌻 Sonnenblume – Licht und Fülle


    Die Sonnenblume (Helianthus annuus) gehört nicht zu den klassischen europäischen Heilkräutern des Kräuterbuschens. Verschiedene Pflanzenteile wurden zwar in unterschiedlichen Kulturen volksmedizinisch genutzt, bei uns kennen wir sie heute vor allem als wertvolle Nahrungs- und Ölpflanze.


    Ich nehme sie trotzdem sehr gerne dazu.

    Für mich ist die Sonnenblume ein Sinnbild für Sonne, Lebensfreude und die Fülle des Sommers.

    Allein ihr Anblick macht etwas mit mir.


    🌼 Goldrute – die Pflanze der Harnwege


    Die Echte Goldrute (Solidago virgaurea) hat einen festen Platz in der traditionellen europäischen Pflanzenheilkunde. Sie wird traditionell zur Durchspülung der Harnwege bei leichten Beschwerden eingesetzt.


    Mit ihrem leuchtenden Gelb bringt sie außerdem noch einmal das Licht des Hochsommers in meinen Buschen.


    Für mich steht sie für Fließen und Loslassen.


    💙 Wegwarte – bitter und unbeirrbar


    Die Wegwarte (Cichorium intybus) begegnet uns häufig an Wegrändern mit ihren wunderschönen himmelblauen Blüten.


    Volksheilkundlich wurde vor allem ihre bittere Wurzel genutzt. Die traditionelle Anwendung bei vorübergehender Appetitlosigkeit und leichten Verdauungsbeschwerden ist auch in europäischen Pflanzenmonographien beschrieben.


    Ich liebe an der Wegwarte besonders ihre Ausdauer. Sie wächst dort, wo wir oft achtlos vorbeigehen, und schenkt uns trotzdem ihre wunderschönen Blüten. Ein Blick in die Blüte genügt - sodas mein Herz berührt wird und sie mir automatisch ein Lächeln über das Gesicht zaubert.


    🌸 Ringelblume – Hautpflanze und Sonnenkind


    Die Ringelblume (Calendula officinalis) darf in meinem Garten nicht fehlen.

    Traditionell wird sie äußerlich bei kleineren Hautentzündungen und zur Unterstützung der Heilung kleiner oberflächlicher Wunden verwendet. Diese langjährige Anwendung wird auch von der EMA beschrieben.


    Im Kräuterbrauchtum wird sie regional auch mit Glück und Liebe verbunden.


    Für mich ist sie vor allem eine Pflanze voller Wärme und Freundlichkeit.


    🌿 Thymian – klein und voller Kraft


    Thymian (Thymus vulgaris) zeigt sehr schön, dass Größe nichts über Kraft aussagt.


    In der traditionellen europäischen Pflanzenheilkunde wird Thymian bei produktivem Husten im Rahmen von Erkältungen eingesetzt.

    Sein kräftiger Duft und seine Widerstandsfähigkeit machen ihn für mich zu einer Pflanze, die Mut und innere Stärke ausstrahlt.


    🌼 Rainfarn – ein altes Kraut mit Respektabstand


    Rainfarn (Tanacetum vulgare) ist eine Pflanze, die eindrucksvoll zeigt, warum altes Kräuterwissen immer auch Wissen um Grenzen bedeutete.


    Volksmedizinisch wurde Rainfarn früher unter anderem bei Verdauungsbeschwerden und gegen Darmparasiten eingesetzt. Heute wissen wir jedoch, dass die Pflanze – abhängig vom Chemotyp – problematische Inhaltsstoffe wie Thujon enthalten kann. Von einer eigenständigen innerlichen Anwendung rate ich deshalb ab.


    Den Rainfarn schätze ich in meinem Kräuterbuschen sehr, denn ich verwende ihn zum Räuchern zu verschiedenen Anlässen.

    Für mich steht er für: Klarheit, Reinigung und Erdung.


    🌙 Nachtkerze – eine Blüte für den Abend


    Die Nachtkerze (Oenothera biennis) besitzt für mich etwas ganz Besonderes: Ihre Blüten öffnen sich am Abend und schenken dann Nachtfaltern ihre Nahrung.


    Medizinisch genutzt wird heute vor allem das Öl ihrer Samen. Nachtkerzenöl besitzt eine anerkannte traditionelle Anwendung zur Linderung von Beschwerden trockener Haut. Dieses ist häufig in Kosmetik Produkten zu finden.


    In meinem Kräuterbuschen steht sie für mich für Öffnung, Vertrauen und das Wunder, dass jede Pflanze ihre eigene Zeit kennt.


    🌼 Königskerze – die Himmelskerze im Zentrum


    Die Königskerze (Verbascum spp.) bildet traditionell häufig das Herz des Kräuterbuschens. Wie ein Zepter ragt sie über die anderen Pflanzen hinaus.


    Im Volksglauben galt sie als Licht- und Schutzpflanze und sollte Haus und Hof vor Unheil bewahren.


    Ihre Blüten gehören zugleich zu den traditionellen europäischen Heilpflanzen: Königskerzenblüten werden bei trockenem Husten und gereiztem Hals verwendet.


    Vielleicht berührt mich die Königskerze gerade deshalb so sehr. Sie verbindet für mich Himmel und Erde, Licht und Verwurzelung – und darf deshalb gerne in der Mitte meines Buschens stehen.


    🌾 Ähren und Korn – Nahrung, Fülle und Dankbarkeit


    Auch Getreideähren dürfen in meinem Kräuterbuschen nicht fehlen. Weizen, Roggen, Hafer oder Gerste erzählen für mich noch einmal eine ganz andere Geschichte als die Heilkräuter.


    Sie stehen für Nahrung, Ernte, Fruchtbarkeit und die Fülle der Erde. Gerade Mitte August, wenn vielerorts die Getreideernte im Mittelpunkt steht, erinnern die goldenen Ähren daran, dass unser tägliches Brot nicht selbstverständlich ist. In traditionellen Kräuterbuschen wurden deshalb neben Heilkräutern und Blumen immer wieder auch Getreideähren und andere Nutzpflanzen eingebunden. Regional gelten sie zudem als Marien-Symbol.


    Für mich tragen Ähren noch eine weitere Botschaft in sich: Aus einem einzigen Korn kann neues Leben entstehen und daraus wiederum eine ganze Ähre voller neuer Körner.

    Vielleicht berührt mich gerade deshalb dieses Bild so sehr.

    Säen, wachsen lassen, reifen, ernten und wieder etwas zurückgeben.

    Es ist derselbe Kreislauf, den wir überall in der Natur beobachten können.


    Wenn ich einige Ähren in meinen Kräuterbuschen binde, empfinde ich deshalb vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit für unsere Nahrung, für die Arbeit der Menschen, die sie anbauen, und für Mutter Erde, die uns immer wieder trägt und nährt.


    Und vielleicht sind die goldenen Ähren auch eine leise Erinnerung daran, bewusster mit Lebensmitteln umzugehen und nicht als selbstverständlich anzusehen, was die Erde uns schenkt.


    🌱 Kräuterbuschen binden – was bedeutet dieser alte Brauch?


    Die Kräuterweihe ist eng mit dem katholischen Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel am 15. August verbunden. Überliefert ist eine Legende, nach der nach der Öffnung des Grabes Mariens statt ihres Leichnams ein wunderbarer Duft von Blumen und Kräutern wahrgenommen worden sei. Der Brauch verbindet damit christliche Marienverehrung, Dank für die Schöpfung und ältere volkstümliche Kräutertraditionen.


    Regional trägt der Strauß unterschiedliche Namen: Kräuterbuschen, Kräuterbüschel, Würzbüschel, Marienwisch oder – etwa im Allgäu – Kräuterboschen.


    Auch die Zusammensetzung war nie überall gleich.

    Besonders häufig steht die Königskerze in der Mitte. Sie wird mancherorts sogar Marienkerze genannt und bildet mit ihrer aufrechten Gestalt gleichsam das Zentrum, um das sich die übrigen Kräuter versammeln.


    🌼 Sieben, neun, zwölf oder noch mehr – die Bedeutung der Zahlen


    Spannend finde ich die symbolischen Zahlen beim Binden.

    Je nach Region finden sich beispielsweise:


    • 7 Kräuter – unter anderem mit den sieben Schöpfungstagen oder den sieben Sakramenten verbunden

    • 9 Kräuter – drei mal drei, in christlicher Deutung mit der Dreifaltigkeit verbunden

    • 12 Kräuter – als Hinweis auf die zwölf Apostel beziehungsweise die zwölf Stämme Israels

    • 24 Kräuter – als Verdoppelung der Zwölf

    • 77 oder 99 Kräuter – als weitere symbolische Vervielfachungen


    Volkskundliche Quellen zeigen deutlich: Es gibt hier keine überall verbindliche Anzahl. Die Zahlen wurden vielmehr regional unterschiedlich religiös, symbolisch oder im Volksglauben auch „magisch“ gedeutet.


    Gerade das empfinde ich als schön. Ich muss keinen historischen Kräuterbuschen exakt nachbauen. Ich kann mich von der Tradition inspirieren lassen und gleichzeitig aufmerksam schauen, welche Pflanzen die Natur mir gerade schenkt.


    🌼 Warum Kräuterbuschen binden heute noch aktuell ist


    Vielleicht brauchen wir solche Rituale heute sogar besonders.

    Nicht weil wir in die Vergangenheit zurückkehren sollen. Sondern weil ein bewusstes Ritual uns für einen Moment aus unserem schnellen Alltag herausholt.


    Ich gehe hinaus.

    Ich schaue.

    Ich rieche.

    Ich berühre.


    Ich entscheide ganz bewusst, welche Pflanze ich nehme – und welche ich stehen lasse.

    Allein dadurch verändert sich meine Wahrnehmung.


    Ein Kräuterbuschen kann uns daran erinnern, dass die Dinge, die uns nähren und berühren, nicht selbstverständlich sind. Er kann Ausdruck von Dankbarkeit sein und eine Einladung, den Jahreslauf wieder bewusster wahrzunehmen.


    Für mich bedeutet Kräuterbuschen binden deshalb auch: Verbindung herstellen. Zu den Pflanzen. Zu Mutter Erde. Zu Menschen, die diesen Brauch vor uns gepflegt haben. Und letztlich auch wieder zu mir selbst.


    🌿 Praktische Tipps zum Kräuterbuschen binden


    1. Gehe langsam los. Sammle nicht nach einer starren Liste, sondern schau zunächst, was gerade in Deiner Umgebung wächst.

    2. Nimm nur Pflanzen, die Du sicher kennst. Besonders bei Wildpflanzen ist eine zweifelsfreie Bestimmung wichtig.

    3. Sammle achtsam. Nimm nur kleine Mengen und niemals einen ganzen Bestand.

    4. Nutze Deinen Garten. Ringelblume, Sonnenblume, Minze oder Thymian können Deinen Buschen wunderbar ergänzen und entlasten gleichzeitig Wildbestände.

    5. Setze eine besondere Pflanze in die Mitte. Traditionell übernimmt häufig die Königskerze diese Rolle.

    6. Binde nicht zu fest. Ein etwas lockerer Strauß kann später besser trocknen.

    7. Lass Dich von Deiner eigenen Wahrnehmung führen. Es gibt nicht den einen richtigen Kräuterbuschen. Regionale Überlieferungen sind vielfältig.


    🍃 Kräuterbuschen binden im Alltag umsetzen


    Traditionell wurden die Kräuter teilweise bereits am Vorabend des 15. August gesammelt und gebunden. Am Fest Mariä Himmelfahrt brachte man sie zur Kräuterweihe in die Kirche. Anschließend wurden die Sträuße zu Hause getrocknet und häufig im sogenannten Herrgottswinkel aufgehängt.


    Du kannst dieses Ritual heute ganz nach Deiner eigenen Haltung gestalten.


    Vielleicht gehst Du am Abend des 14. August bewusst durch Deinen Garten. Vielleicht sammelst Du am Morgen des 15. August.


    Vielleicht verbindest Du das Binden mit einem Moment der Dankbarkeit oder einer stillen Frage:


    Was hat mir die Natur in diesem Jahr geschenkt?


    Für mich beginnt genau dort die eigentliche Bedeutung des Brauches.


    🌸 Frauendreißiger – die große Kräutersammelzeit des Spätsommers


    Mit Mariä Himmelfahrt am 15. August beginnt traditionell die Zeit der sogenannten Frauendreißiger. Je nach regionaler Überlieferung reicht sie ungefähr bis zum 14. oder 15. September.


    In diese Wochen fallen mehrere Marienfeste, weshalb diese Zeit besonders im süddeutschen und alpenländischen Raum eng mit Marienverehrung und Kräuterbrauchtum verbunden ist.

    Doch die Frauendreißiger waren nicht nur eine kirchliche Festzeit.

    Sie galten auch als eine der bedeutendsten Kräutersammelzeiten des Jahres.


    Nach alter Überlieferung sollten Heil- und Wildpflanzen, die in diesen Wochen gesammelt wurden, eine besonders große Heilkraft besitzen.

    Mancherorts wurde sogar angenommen, ihre Heil- und Segenskraft sei in dieser Zeit um ein Vielfaches erhöht.


    Unsere Vorfahren nutzten diese Wochen deshalb, um Kräuter zu sammeln, zu trocknen und Vorräte für die kommende dunkle Jahreszeit anzulegen. Die Pflanzen aus den geweihten Buschen wurden über den Winter aufbewahrt, für Tees verwendet, zum Räuchern genutzt oder – je nach regionalem Brauch – auch Tieren beigegeben.


    Ich finde diesen Gedanken wunderschön.

    Man ging nicht in ein Geschäft und kaufte jederzeit alles nach.

    Man beobachtete.

    Man wusste, wann etwas blühte.

    Man kannte die Plätze.

    Man erntete zur rechten Zeit.

    Und man sorgte vor.


    ☀️ Die Kraft der Sommersonne


    Volksheilkundlich wurde die besondere Kraft der Frauendreißiger auch mit der intensiven Sommersonne verbunden.

    Die Pflanzen hatten viele Wochen Licht und Wärme aufgenommen und sollten nun, auf dem Höhepunkt beziehungsweise gegen Ende des Sommers, besonders viel Kraft in sich tragen.


    Darin steckt durchaus eine interessante botanische Beobachtung: Bei vielen aromatischen Kräutern können Licht, Temperatur, Trockenheit, Entwicklungsstadium und Erntezeit beeinflussen, wie viele ätherische Öle und andere sekundäre Pflanzenstoffe gebildet werden. Untersuchungen zeigen beispielsweise bei aromatischen Kräutern, dass unterschiedliche Lichtbedingungen den Gehalt und die Zusammensetzung ätherischer Öle verändern können.

    Auch der MDR beschreibt den August bis Mitte September als wichtige Haupterntezeit für zahlreiche Gewürz- und Heilkräuter: Über den Sommer konnten sich in manchen Pflanzen ätherische Öle und andere Inhaltsstoffe anreichern, während später zunehmend Energie in Samenreife und Wurzeln fließt.

    Trotzdem möchte ich hier bewusst unterscheiden:

    Dass alle Heilpflanzen während der Frauendreißiger grundsätzlich ihre höchste Wirkstoffkonzentration besitzen, ist eine volksheilkundliche Überlieferung und keine allgemeingültige wissenschaftliche Regel.

    Jede Pflanze hat ihren eigenen Rhythmus.

    Bei manchen ernten wir Blüten.

    Bei anderen Blätter.

    Bei wieder anderen Früchte, Samen oder im Herbst die Wurzeln.


    Und vielleicht liegt gerade darin für mich die eigentliche Weisheit der alten Sammeltraditionen: Unsere Vorfahren mussten sehr genau beobachten.


    Sie konnten die Natur nicht auf Knopfdruck verfügbar machen.

    Sie lebten mit ihren Zeiten.


    🌿 Vorräte anlegen – ein Wissen, das wieder wertvoll wird


    Ich finde, dieser Gedanke passt wunderbar in unsere heutige Zeit.

    Wir können fast jedes Lebensmittel und viele Kräuter das ganze Jahr über kaufen. Dadurch verlieren wir manchmal das Gefühl dafür, wann etwas eigentlich wächst und wann die Natur uns ihre Fülle schenkt.

    Die Frauendreißiger können eine Einladung sein, wieder bewusster hinzusehen:


    Was wächst jetzt?

    Was darf ich ernten?

    Was möchte ich für den Winter bewahren?


    Vielleicht trocknest Du Thymian oder Minze.

    Vielleicht stellst Du ein Kräutersalz her.

    Vielleicht sammelst Du Ringelblumenblüten.

    Oder Du bindest einfach Deinen Kräuterbuschen und lässt ihn an einem geschützten Platz trocknen.


    Es geht für mich dabei nicht darum, die Vergangenheit romantisch nachzubauen.

    Es geht darum, etwas wiederzuentdecken:

    das Leben mit den Jahreszeiten.


    Zu wissen, dass nicht alles immer verfügbar sein muss.

    Zu ernten, wenn die Zeit dafür da ist.

    Vorräte anzulegen.

    Dankbar anzunehmen, was Mutter Erde uns gerade schenkt.

    Und vielleicht beim Sammeln für einen Moment still zu werden und zu spüren:


    Ich bin nicht getrennt von dieser Natur. Ich bin ein Teil von ihr.



    🌿 Kerstins Gartentipp: Der Buschen darf in deinem eigenen Garten wachsen


    Du musst nicht für jeden Kräuterbuschen weit hinausfahren.

    Schau zuerst in Deinen Garten, auf den Balkon oder ins Hochbeet. Vielleicht wachsen dort Minze, Thymian und Ringelblume. Vielleicht hast Du eine Sonnenblume stehen oder eine Königskerze hat sich von ganz allein angesiedelt.


    Ich finde den Gedanken wunderschön, jedes Jahr ein paar Pflanzen bewusst für meinen Kräuterbuschen wachsen zu lassen.

    So entsteht mit der Zeit eine ganz persönliche Tradition.

    Und vielleicht stellst Du eines Tages fest: Diese eine Ringelblume stammt aus Samen vom letzten Jahr, die Königskerze hat sich selbst ihren Platz gesucht und die Minze begleitet Dich schon seit vielen Sommern.

    Dann wird aus einem Kräuterstrauß eine Geschichte.


    🌍 Nachhaltigkeit und Verantwortung beim Sammeln


    Brauchtum und Naturschutz gehören für mich unbedingt zusammen.

    Das Bundesnaturschutzgesetz erlaubt bei nicht besonders geschützten Wildpflanzen unter bestimmten Voraussetzungen die schonende Entnahme kleiner Mengen für den persönlichen Bedarf. Das bedeutet aber keineswegs, dass überall und jede Pflanze gesammelt werden darf.

    Schutzgebiete, besonders geschützte Arten, Eigentumsrechte und örtliche Regelungen müssen respektiert werden.

    Meine einfache Regel lautet:


    Sammle immer so, dass keiner sieht das du gesammelt hast.


    Wenn nur wenige Exemplare einer Pflanze vorhanden sind, lasse ich sie stehen. Blüten und Samen sind Nahrung und Lebensraum für zahlreiche Tiere – und zugleich die Grundlage für die nächste Pflanzengeneration.


    Besonders schön ist es deshalb, Gartenkräuter mit wenigen sicher bestimmten, häufig vorkommenden Wildpflanzen zu verbinden.


    Ein Hinweis noch zum Rainfarn: Ein Kraut im traditionellen Buschen ist nicht automatisch für Tee oder innerliche Anwendungen geeignet. Rainfarn enthält unter anderem Thujon; mit thujonhaltigen Pflanzen ist gesundheitlich vorsichtig umzugehen. Ich verwende ihn hier ausschließlich als Räucherwerk für verschiedene Anlässe wie zum Beispiel rituelle Feuer, in den Rauhnächten, energetische Reinigung unseres Gartens.


    🌼 Häufige Fehler die dazu führen das Binden eines Kräuterbuschen zu vermeiden


    Ein Kräuterbuschen soll Freude machen. Deshalb müssen wir aus dem Brauch keine komplizierte Wissenschaft machen.

    Vermeide vor allem:


    • unbekannte Pflanzen nur wegen ihres schönen Aussehens zu sammeln

    • geschützte oder seltene Arten mitzunehmen

    • an einem Standort zu viel abzuernten

    • feuchte Pflanzen sehr dicht zusammenzubinden

    • zu glauben, Dein Buschen sei „falsch“, nur weil er anders aussieht als ein historisches Vorbild


    Tradition lebt gerade dadurch, dass Menschen sie weitertragen.


    📅 Der zeitliche Ablauf auf einen Blick


    Um den 14. August:

    Schau Dich bewusst in Garten und Natur um. Wähle Deine Pflanzen und sammle nur das, was reichlich vorhanden ist.


    15. August – Mariä Himmelfahrt:

    Traditioneller Tag der Kräuterweihe. Viele Gemeinden segnen die mitgebrachten Kräuterbuschen im Gottesdienst.

    Danach:Den Buschen luftig und trocken aufhängen. Traditionell fand er später häufig seinen Platz im Herrgottswinkel.


    15. August bis etwa 14./15. September:

    Zeit des Frauendreißigers – eine gute Gelegenheit, den ausgehenden Sommer besonders aufmerksam wahrzunehmen.


    🌼 Persönliches Fazit: Kräuterbuschen binden heißt für mich, mich zu erinnern


    Für mich ist Kräuterbuschen binden viel mehr als ein alter Brauch.

    Es ist eine Erinnerung.

    Eine Erinnerung daran, langsamer zu werden.

    Eine Erinnerung an die Menschen, die vor uns gelebt und mit den Jahreszeiten gearbeitet haben.

    Und eine Erinnerung daran, dass wir selbst Natur sind.


    Wenn ich meinen fertigen Buschen in den Händen halte, sehe ich nicht einfach zwölf verschiedene Pflanzen. Ich sehe Farben, Düfte, Begegnungen, Sommer und Fülle.

    Vielleicht liegt genau darin der Zauber solcher Rituale.

    Wir müssen nicht alles erklären können.


    Manchmal dürfen wir uns einfach berühren lassen, staunen und dankbar wahrnehmen, was uns umgibt.


    Vielleicht hast Du in diesem Jahr Lust, Deinen eigenen Kräuterbuschen zu binden. Nicht weil er vollkommen werden muss. Sondern weil Du Dir damit einen Moment schenkst, in dem Du Dich ganz bewusst mit der Natur und Deiner eigenen inneren Natur verbindest.


    ❓FAQ


    Wann sollte man einen Kräuterbuschen binden?

    Traditionell werden die Kräuter rund um Mariä Himmelfahrt am 15. August gesammelt. Regional ist auch das Sammeln und Binden am Vorabend überliefert.


    Wie viele Kräuter gehören in einen Kräuterbuschen?

    Dafür gibt es keine einheitliche Zahl. Überliefert sind beispielsweise 7, 9, 12, 24, 77 oder 99 Pflanzen. Die Zahlen besitzen unterschiedliche religiöse und volkskundliche Bedeutungen.


    Welche Kräuter eignen sich zum Kräuterbuschen binden?

    Traditionell genannt werden unter anderem Königskerze, Beifuß, Schafgarbe, Minze, Thymian, Rainfarn, Johanniskraut, Salbei, Ringelblume und Goldrute. Die Auswahl unterscheidet sich regional, sodass auch Pflanzen aus dem eigenen Garten ihren Platz finden können.


    Was sind die Frauendreißiger?

    Als Frauendreißiger wird eine etwa dreißigtägige Zeit der Marienverehrung bezeichnet, die mit Mariä Himmelfahrt am 15. August beginnt. Je nach Überlieferung endet sie um den 14. oder 15. September.


    Quellenhinweise

    • Bayerischer Rundfunk / Querbeet: Brauchtum rund um Kräuterbuschen, Pflanzen und Zahlensymbolik.

    • Erzbistum München und Freising: Kräutersegnung, traditionelle Pflanzen und Frauendreißiger.

    • katholisch.de: Kräuterweihe, Zahlensymbolik und regionale Überlieferungen.

    • Bundesnaturschutzgesetz § 39: Regeln zur Entnahme wild lebender Pflanzen.

    • European Medicines Agency: Sicherheit thujonhaltiger pflanzlicher Produkte.

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